Auf den ersten Blick scheint die Polizeiliche Kriminalstatistik (PKS) 2025 eine gute Nachricht zu liefern. Bundesweit registrierte die Polizei 5.508.559 Straftaten. Gegenüber dem Vorjahr entspricht das einem Rückgang um 5,6 Prozent. Auch ohne ausländerrechtliche Verstöße ergibt sich noch ein Minus von 4,4 Prozent. Wer daraus jedoch schließt, Deutschland sei innerhalb eines Jahres deutlich sicherer geworden, greift zu kurz. Denn mehrere Sondereffekte verzerren den Vergleich mit dem Vorjahr erheblich.
Der wichtigste Faktor ist die Teillegalisierung von Cannabis zum 1. April 2024. Weil zahlreiche Delikte seitdem nicht mehr strafbar oder anders zu bewerten sind, fehlen sie zwangsläufig in der Statistik. Das Bundeskriminalamt weist deshalb ausdrücklich darauf hin, dass die Gesamtzahlen der Jahre 2024 und 2025 nur eingeschränkt mit früheren Jahren vergleichbar sind. Besonders die Entwicklung der Gesamtkriminalität und der Tatverdächtigenzahlen wird dadurch beeinflusst. Für die Gewaltkriminalität gilt diese Einschränkung hingegen ausdrücklich nicht.
Die Gesamtkriminalität liegt nur leicht über dem Niveau vor Corona
Interessant wird die Statistik erst im längerfristigen Vergleich. Vergleicht man das Jahr 2025 nicht mit dem Ausnahmejahr 2024, sondern mit 2019 – dem letzten Jahr vor der Corona-Pandemie –, ergibt sich ein überraschendes Bild. Die Zahl aller registrierten Straftaten liegt lediglich rund 1,3 Prozent höher. Bei den Straftaten ohne ausländerrechtliche Verstöße beträgt der Unterschied sogar nur 0,6 Prozent. Die oft vermittelte Vorstellung einer explosionsartig steigenden Gesamtkriminalität lässt sich aus diesen Zahlen allein nicht ableiten.
Gleichzeitig bleibt die Aufklärungsquote nahezu stabil. Von den mehr als 5,5 Millionen Straftaten konnten rund 3,19 Millionen aufgeklärt werden. Die bundesweite Aufklärungsquote liegt damit bei 57,9 Prozent und damit praktisch auf dem Niveau des Vorjahres.
Einige Deliktsbereiche entwickeln sich gegen den Trend
Während die Gesamtzahlen sinken, steigen einzelne Deliktsfelder teilweise deutlich an.
Besonders stark wächst die Kriminalität rund um neue psychoaktive Stoffe. Ebenfalls auffällig ist der erneute Anstieg bei jugendpornografischen Inhalten. Dieser Bereich hat sich innerhalb weniger Jahre vervielfacht und gehört inzwischen zu den am stärksten wachsenden Deliktsfeldern der PKS. Auch Computerbetrug mit gestohlenen Zahlungsdaten, Sexualdelikte sowie Wohnungseinbrüche verzeichnen Zuwächse. Selbst bei Mord und Totschlag registriert die Statistik einen leichten Anstieg gegenüber dem Vorjahr.
Demgegenüber stehen deutliche Rückgänge bei klassischen Betrugsdelikten, Straßenkriminalität, Raub und Diebstahl. Besonders stark fällt der Rückgang bei Rauschgiftdelikten aus – allerdings fast ausschließlich als Folge der geänderten Rechtslage beim Cannabisbesitz. Ebenfalls deutlich zurückgegangen sind Verstöße gegen das Aufenthaltsrecht, was vor allem mit den gesunkenen Zahlen unerlaubter Einreisen zusammenhängt.
Gewaltkriminalität verdient besondere Aufmerksamkeit
Ein zentrales Thema der PKS bleibt die Gewaltkriminalität. Anders als bei den Gesamtzahlen wird ihre Entwicklung nicht durch die Cannabisgesetzgebung beeinflusst und eignet sich deshalb wesentlich besser als Indikator für tatsächliche Veränderungen.
Gerade deshalb sollte dieser Bereich bei jeder Bewertung der Kriminalitätsentwicklung besonders berücksichtigt werden. Gewaltkriminalität umfasst unter anderem Mord, Totschlag, Vergewaltigung, schwere Körperverletzung und Raubdelikte. Veränderungen in diesem Bereich spiegeln gesellschaftliche Entwicklungen oftmals direkter wider als die Gesamtzahl aller Straftaten.
Tatverdächtige: Auch hier wirkt die Cannabisreform
2025 registrierte die Polizei bundesweit rund 2,05 Millionen Tatverdächtige. Das sind knapp sechs Prozent weniger als im Vorjahr. Der Rückgang betrifft sowohl deutsche als auch nichtdeutsche Tatverdächtige.
Auch hier weist das Bundeskriminalamt ausdrücklich darauf hin, dass die Gesetzesänderung beim Cannabis einen erheblichen Einfluss auf die Zahlen hat. Da zahlreiche frühere Cannabisdelikte weggefallen sind, erscheinen zwangsläufig weniger Personen als Tatverdächtige in der Statistik. Ein direkter Vergleich mit 2024 ist deshalb nur eingeschränkt sinnvoll.
Opferzahlen bleiben nahezu unverändert
Während die Zahl der registrierten Straftaten sinkt, verändert sich die Zahl der Opfer kaum. Insgesamt wurden 2025 bundesweit rund 1,33 Millionen Opfer registriert – praktisch genauso viele wie im Vorjahr.
Dabei ist wichtig zu wissen, dass die PKS hier nicht Personen zählt, sondern Opferfälle. Wird dieselbe Person mehrfach Opfer verschiedener Straftaten, erscheint sie entsprechend mehrfach in der Statistik. Erfasst werden außerdem nur Delikte gegen höchstpersönliche Rechtsgüter wie Leben, körperliche Unversehrtheit, Freiheit oder sexuelle Selbstbestimmung.
Die Grenzen der Polizeilichen Kriminalstatistik
Der Bericht weist mehrfach darauf hin, dass die PKS keine vollständige Abbildung der Kriminalität darstellt. Erfasst wird ausschließlich das sogenannte Hellfeld – also Straftaten, die der Polizei bekannt werden und von ihr bearbeitet werden.
Wie groß das Dunkelfeld ist, hängt stark vom jeweiligen Delikt ab. Bei Wohnungseinbrüchen oder Autodiebstählen liegt die Anzeigebereitschaft traditionell hoch. Bei Sexualdelikten, häuslicher Gewalt oder Betrugsfällen dagegen wird ein erheblicher Teil der Taten niemals angezeigt.
Außerdem beeinflussen zahlreiche Faktoren die Statistik: Änderungen im Anzeigeverhalten, unterschiedliche Kontrolldichte der Polizei, Gesetzesänderungen oder neue Erfassungsregeln können die Fallzahlen verändern, ohne dass sich die tatsächliche Kriminalitätslage gleichermaßen verändert hat. Genau deshalb mahnt das Bundeskriminalamt ausdrücklich zu einer vorsichtigen Interpretation der Daten.
Fazit
Die Polizeiliche Kriminalstatistik 2025 liefert weder Anlass für Alarmismus noch für Entwarnung. Zwar gehen die registrierten Straftaten insgesamt zurück, doch ein erheblicher Teil dieser Entwicklung lässt sich auf gesetzliche Änderungen im Bereich Cannabis zurückführen. Gleichzeitig entwickeln sich einzelne Deliktsfelder – etwa Sexualdelikte, Cyberkriminalität oder jugendpornografische Straftaten – weiterhin nach oben.
Für eine seriöse Bewertung reicht deshalb ein Blick auf die Gesamtfallzahl nicht aus. Entscheidend ist die Analyse der einzelnen Deliktsbereiche, ihrer langfristigen Entwicklung sowie der statistischen Rahmenbedingungen. Erst in diesem Gesamtbild zeigt sich, welche Kriminalitätsformen tatsächlich zunehmen, welche zurückgehen und wo politische oder gesellschaftliche Maßnahmen erforderlich sein könnten. Genau auf diese differenzierte Betrachtung legt auch das Bundeskriminalamt im Bericht besonderen Wert.